19. Juli 2026
Von der BUND- zur BUNT-Buchhandlung: Modernes Antiquariat mit Engagement für junge Leserinnen und Leser

Seit über vier Jahrzehnten prägt Axel Stadtländer die Kölner Buchlandschaft – und denkt auch im Ruhestand nicht ans Aufhören. Mit Leidenschaft engagiert er sich für Projekte, die Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistern. Im Interview spricht er über erfolgreiche Kooperationen und darüber, wie Kinder und Jugendliche heute fürs Lesen gewonnen werden können. Ein Gespräch über Unternehmergeist und Durchhaltevermögen, Bücher, Verantwortung und bleibende Begeisterung.
Der Weg zur Axel Stadtländer führt vorbei an Postkarten, Gesellschaftsspielen und Büchertischen, dann eine schmale Treppe hinab. Unten angekommen Bücher, wohin man sieht: in deckenhohen Regalen, auf Tischen, in Kisten, gestapelt auf dem Boden, ja selbst auf den Schreibtischen in dem Büro, das sich im Souterrain befindet und auf einen Innenhof hinausgeht. Hier, im Versandlager der BUNT-Buchhandlung unter der Breite Straße in der Kölner Innenstadt, treffen wir ihn, den Mann, der mehr als 40 Jahre zusammen mit seinem Kollegen Bert Kautz die Geschicke der Buchhandlung leitete. Vor kurzem hat er sich mit 67 Jahren aus der Geschäftsführung zurückgezogen. Bücher waren und bleiben zeitlebens seine Passion, als Diplom-Bibliothekar und Buchhändler hat er sie zu seinem Lebensinhalt gemacht. Auch jetzt, im Ruhestand, kann er sich von der Buchhandlung noch nicht so ganz trennen: „Einige Stunden pro Woche kümmere ich mich hier unten weiterhin um Finanzen und Personal“, erzählt Axel Stadtländer und bezeichnet sich selbst mit einem Augenzwinkern als Hilfsbuchhalter.
1986 beginnt Stadtländer in der gewerkschaftseigenen BUND-Buchhandlung des BUND-Verlags auf der Ehrenstraße, wenige hundert Meter vom jetzigen Ladenstandort entfernt. Als der Verlag das Geschäft 1991 schließen will, fassen sich er und sein Kollege Bert Kautz ein Herz, nehmen einen Kredit auf und kaufen die Buchhandlung. „Als erstes musste ein neuer Name her“, erinnert sich Stadtländer. „Jeder Buchstabe des Schriftzugs sollte 750 DM kosten, das Geld hatten wir nicht. So kam uns die Idee, lediglich das D gegen ein T zu tauschen.“ So wird aus der BUND- die BUNT-Buchhandlung und es beginnt eine wechselvolle Geschichte.

Als Modernes Antiquariat hat die heutige BUNT-Buchhandlung im Laden wie auch im Versandhandel ein umfangreiches Angebot an preisreduzierten Büchern: Restauflagen, Taschenbuch-Remittenden, Sonderausgaben, Mängelexemplare und vergriffene Einzeltitel, die beispielsweise von Verlagen bezogen werden. Dazu aktuelle Bestseller, Spiele, Postkarten und, nicht zu übersehen, die Spielecke in der großen Kinder- und Jugendbuchabteilung am Standort Breite Straße.
Eine Idee wird zum festen Engagement
Bilder-, Kinder- und Jugendbücher sind es auch, die LeseWelten und die BUNT-Buchhandlung verbinden. Das kam so: Bei der Einweihung des Köln-weit ersten Offenen Kinder- und Jugendbuchschranks im Ehrenfelder Leo-Amann-Park im Mai 2024, den LeseWelten anlässlich ihres 20jährigen Bestehens den Kölner Pänz schenkte, kam LeseWelten-Vorleserin Monika Deckers die Idee: Sie fragte ihren Lebenspartner Axel Stadtländer, ob Kinderbücher, die in der Buchhandlung aus dem aktiven Verkauf genommen werden, fortan in diesen Bücherschrank gestellt werden könnten. Gefragt, getan. Und so versorgen die beiden nun regelmäßig diesen Kinder- und Jugendbuchschrank mit Nachschub.

Offene Bücherschränke empfindet der gestandene Buchhändler ebenso wenig als Konkurrenz wie öffentliche Bibliotheken: „Das ist wertvolle Leseförderung für Groß und Klein. Lesen ist großartig“, schwärmt Stadtländer. „Es bereichert den eigenen Wortschatz, regt die Fantasie an, lässt mich in eine ganz andere Welt abtauchen, egal wo ich gerade bin.“ In jedem Stadtteil solle es einen Offenen Bücherschrank geben, der ausschließlich mit Kinder- und Jugendbüchern bestückt ist, meint Axel Stadtländer. Auch aus seinem privaten Bestand bringt er Bücher in Offene Bücherschränke.
Mit Aktionen und Projekten junge Leser erreichen
Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, fürs Lesen zu begeistern, haben sich die beiden BUNT-Buchhändler zur Aufgabe gemacht. So beteiligen sich Axel Stadtländer und Bert Kautz an mehreren Projekten, bei denen die Sprach- und Leseförderung Heranwachsender im Mittelpunkt steht. Beispielsweise macht die Buchhandlung seit fast zwei Jahrzehnten mit beim alljährlichen „UNESCO-Welttag des Buches“ am 23. April, der in Erinnerung an den Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes ins Leben gerufen wurde. „Rund um diesen Tag verschenken wir an Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 4 und 5 bei einem Klassenbesuch in unserer Buchhandlung kostenlos Exemplare des jeweiligen Welttagbuchs der Reihe ‚Ich schenk dir eine Geschichte‘. Und in Absprache mit den Lehrkräften halte ich einen kleinen Vortrag über Buchhandlungen und Bibliotheken“, erzählt Stadtländer. Ziel dieser Kooperation mit der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sowie weiterer Partner sei es, Kindern und Jugendlichen mit spannenden Geschichten Freude am Lesen und an Büchern zu vermitteln.

Lesebegeisterung zu wecken und die Lesekompetenz zu fördern hat sich auch die Initiative
„kicken&lesen – Leseförderung für Jungen“ der SK Stiftung jugend und medien der Sparkasse KölnBonn auf die Fahnen geschrieben. „Als Partner-Buchhandlung haben wir bereits mehrmals Bücher für die Bücherkisten beigesteuert, die die teilnehmenden Schülerteams begleitend erhalten“, sagt Stadtländer.
Ein weiteres Projekt zur Leseförderung, das Stadtländer sehr am Herzen liegt, ist die Kooperation mit Mirijam Günter. „Die Kölner Schriftstellerin ist mit mehreren Preisen für ihre Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet worden. Seit vielen Jahren veranstaltet sie bundesweit mehrtägige Literaturwerkstätten mit Jugendlichen, die wegen ihrer sozialen Herkunft oder ihres Migrationshintergrundes bisher keine bzw. kaum Berührung mit Literatur hatten“, erzählt er. „Sie liest mit den Teilnehmenden, darunter mitunter auch straffällig gewordene Jugendliche, Romane, Klassiker und Gedichte. Ihr Ziel ist, dass sich die jungen Menschen mit diesen Texten gemeinsam auseinandersetzen. Und sie motiviert sie, selbst zu schreiben. So üben sie, sich sprachlich und schriftlich auszudrücken. Mit den Gruppen kommt Mirijam zu uns in die Buchhandlung und wir schenken ihnen Bücher.“
Neue Genres und alte Klassiker, die junge Leser fesseln
Als engagierter Buchhändler für Leseförderung beobachtet Axel Stadtländer über die Jahrzehnte hinweg die Entwicklungen in der Kinder- und Jugendliteratur. „Seit ein paar Jahren etablieren sich als Untergruppen die Genres Young Adult-Literatur für Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren und New Adult-Literatur für die 18 bis 30jährigen. In den Büchern, meist Romane, aber auch Sachbücher, geht es um alterstypische Themen wie Schule, Studium und Berufseinstieg, um Selbstfindung, Freundschaften, erste Liebe und erste ernsthafte Beziehungen“. An manchen Tagen seien diese Bücher diese meistverkaufte Warengruppe, sagt Stadtländer. Als weiteren Trend nennt er Editionen mit zahlreichen Staffeln, die wiederum jeweils mehrere Bände umfassen. Vergleichbar mit Serien von Streaming-Anbietern wie Netflix. Ein Renner sei etwa ‚Warrior Cats‘ von Erin Hunter für junge Leserinnen und Leser ab 10 Jahren. „Das ist eine Mischung aus Kriminal-Story und Fantasy“ erzählt Stadtländer, „der erste Band erschien 2010 und vor kurzem startete die neunte Staffel.“ Ein weiteres Beispiel sei die Comic-Roman-Serie ‚Greg’s Tagebuch‘ von Jeff Kinney. „Die Bücher haben seit ihrem Erscheinen vor mehr als 15 Jahren Kultstatus erreicht unter Schülerinnen und Schülern ab 10 Jahren.“ Auch unter den Vorlese- bzw. Bilderbüchern gibt es solche Reihen, die seit Jahrzehnten inzwischen die Regale in Buchhandlungen füllen. „Die Grüffelo-Bücher von Julia Donaldson mit Illustrationen von Axel Scheffler sind seit fast 30 Jahren beliebt bei den Kleinen und Kleinsten.“
Die Nachfrage nach Kinder- und Jugendbüchern hat sich seit all den Jahren, in denen Stadtländer im Buchhandel tätig ist, kaum verändert. Der Umsatzanteil liege konstant bei zehn bis 15 Prozent. Gekauft werden die Bücher meist von Eltern und Großeltern, „mitunter kommen Neun- oder Zehnjährige auch schon allein“, beobachtet Axel Stadtländer.

Lesestoff, der auch Lesemuffel begeistert
Zum Abschluss des Gesprächs gibt der Buchkenner und -liebhaber noch gerne ein paar Tipps für Eltern, Großeltern und Erziehende, die Kinder und Jugendliche für Bücher interessieren und zum Selbstlesen anregen möchten: „Unter den Vorlesebüchern für die Jüngsten stehen die Geschichten um ‚Pettersson und Findus‘ von Sven Nordqvist und ‚Der kleine Maulwurf‘ von Zdênek Miller bei mir ganz oben. Und, was immer gut ankommt bei kleinen Zuhörerinnen und Zuhörern, sind Geschichten in Reim-Form.“ Für die ab 10-Jährigen empfiehlt Stadtländer die schon erwähnte Reihe ‚Greg’s Tagebuch‘. „Die Storys sind nah an der Lebenswelt der Kids, humorvoll, spannend und einfach zu lesen – aber schwer aus der Hand zu legen“, beschreibt Stadtländer die Bestseller-Serie. „Das motiviert selbst Kinder, die sonst Lesemuffel sind.“ Und‚ für die ab 12-Jährigen, tippt er auf das Buch ‚Tschick‘ von Wolfgang Herrendorf: Eine lustig erzählte Geschichte von zwei Jungs, einem gestohlenen Auto und einer Reise voller Umwege und Abenteuer durch ein unbekanntes Deutschland. „Abenteuer-Bücher, selbst wenn es jetzt oft Fantasy-Geschichten sind, empfehle ich gerne. Die Kids mögen das. Schließlich habe ich selbst, wie viele meiner Altersklasse, auch die Karl May-Bücher verschlungen.“
Text: Beatrix Mattar-Heger

